LitCam Konferenz "Literacy and Sustainable Economic Growth"

1000 LitCam 2011 Day One 032 Foto Heidrun Fleischer Dass Bildung wichtig ist, leuchtet jedem ein. Dass sie es insbesondere für die eigene Zukunft ist, erst recht. Dass Bildung für eine nachhaltige wirtschaftliche Entwicklung von großer Bedeutung ist, wird für so manchen schon schwerer vorstellbar. Es ist nicht greifbar und die Auswirkungen sind erst Jahre später, wenn für den Einzelnen überhaupt, bemerkbar.
Dabei sollte ein jeder gerade in Zeiten von globalen Wirtschaftskrisen, Klimaerwärmung und immer häufiger auftretenden Naturkatstrophen sich die Frage stellen, wie es dazu kam und wie derartiges zukünftig verhindert werden kann.
Daneben aber stellt sich die Frage: Gibt es überhaupt einen Zusammenhang zwischen Bildung und nachhaltigem Wirtschaftswachstum? Ein solcher ist zumindest schwer nachweisbar. Aber eine bessere Bildung und Ausbildung verspricht ein besseres und vor allem selbstbestimmtes Leben. Und das gilt für jedes Land. „Literacy“ ist nicht nur die Fähigkeit, Lesen, Schreiben und Rechnen zu können, der Begriff beinhaltet sehr viel mehr. Und gerade dieses Mehr, ein Verständnis für die Welt etwa, war Thema der diesjährigen LitCam Konferenz.
1000 LitCam 2011 Day One Finnbogadottir 029 Heidrun Fleischer Was bedeutet Bildung für nachhaltige Entwicklung? Wie erreicht man Nachhaltigkeit? Und welcher Aspekt von nachhaltiger wirtschaftlicher Entwicklung wird eigentlich thematisiert? Diese und weitere Fragen wurden im Verlauf der zweitägigen LitCam Konferenz am 10. und 11. Oktober im Frankfurter Hof diskutiert. In diesem Jahr stand die Konferenz unter dem Motto „Literacy and sustainable economic growth“.  Eingeladen waren verschiedene global operierende  Organisationen, Institutionen und Experten rund um das Thema nachhaltige Entwicklung und Bildung, die ihre jeweiligen Projekte vorstellten und ihre Erfahrungen mit den Anwesenden teilten.
Vigdís Finnbogadóttir, ehemalige isländische Präsidentin, erklärt in ihrem Grußwort, dass die Menschen dabei seien, sich selbst zu zerstören. Der beste Weg dem entgegenzuwirken sei Bildung – Informationen vermitteln, um Optimismus und Hoffnung zu bewirken. Daneben sei Sprache eines der größten Güter, die wir unseren Kindern mitgeben könnten – und durchaus nicht nur die eigene Muttersprache. Man müsse ein Verständnis für die Menschen überall auf der Welt schaffen. Das erreiche man vor allem dadurch, dass man die Sprache des anderen verstehe.
1000 LitCam 2011 Day One 014 Foto Heidrun Fleischer Höhepunkt der Konferenz war die Keynote Speech von Nnimmo Bassey, der 2010 mit dem Right Livelihood Award ausgezeichnet wurde und Leiter von Friends of the Earth International ist. In seiner Rede betont Bassey, dass die Menschen das Verständnis für den tatsächlichen Wert von Dingen verloren hätten, es könne nicht immer nur um Profit gehen. Das Verständnis für die Umwelt müsse sich ändern, Katastrophen müssten vermieden und der weiteren Umweltverschmutzung entgegengewirkt werden. Wenn die Umwelt erst zerstört sei, könne auch nichts mehr gebaut und vor allem „ausgebeutet“ werden. Energie sei alles, was heute zähle.  Das zeige, dass auch wir alle nicht so „literarisiert“, so gebildet seien, wie wir glaubten. Bildung könne zum Klimaschutz beitragen.

Arne Carlsen, Direktor des UNESCO Institute for Lifelong Learning, erklärt, dass Bildung ein Grundrecht sei. Bildung ermögliche den Menschen, sich nachhaltig persönlich in der Gesellschaft zu entwickeln und sich einzubringen. Dies führe dazu, dass die Armut zurückgedrängt und ein nachhaltiges Wirtschaftswachstum erreicht werde, ebenso wie eine umfassendere Teilnahme am gesellschaftlichen Leben dadurch erst möglich sei. Das treffe sowohl auf Entwicklungsländer als auch auf Industrienationen zu.

Gerade diejenigen, die am ärmsten seien und am wenigsten zu Erderwärmung und Klimaveränderung beigetragen hätten, leiden häufig am meisten unter den Folgen, so Ramon Mapa von der People’s Initiative for Learning and Community Development. Sie hätten keine Versicherungen und müssten für den Schaden selbst aufkommen. Es müsse ein allgemeines Umdenken stattfinden. Ausgehend von seinem Projekt auf den Philippinen erklärt Mapa, dass gerade Menschen in armen und abgelegenen Regionen unterstützt werden müssten. Sie seien ausgegrenzt und häufig nicht in der Lage, am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen. Mapas Vision ist es, allen Menschen zu ermöglichen, ihr Recht auf Bildung und Lernen einzufordern sowie Zugang zu den für die jeweilige Gruppe besonders relevanten Bildungsangeboten zu schaffen. Bildung führe zu einem besseren Verständnis für die Umwelt und die eigne Umgebung, nur so könne langfristig ein Umdenken stattfinden und eine nachhaltige Gesellschaft entstehen. Die Menschen in abgelegenen philippinischen Regionen müssten erst verstehen, welche Bedeutung Bildung für die eigene Zukunft hat und welche Chancen eine gute Ausbildung bietet – „nur durch Bildung können sie langfristig etwas in ihren Communities verändern“, so Mapa.

Olivier Laboulle, Leiter des Sekretariats der UN-Dekade Bildung für nachhaltige Entwicklung, verdeutlichte in seinem Vortrag den Einfluss von Bildung auf die Umwelt. Er stellte die These auf, dass heutzutage eine höhere Bildung zu einem Anstieg der Energieverschwendung sowie der Umweltzerstörung führe – zu einem unbedachteren Leben. Im Gegenzug könne man aber auch nicht sagen: „Hört auf euch zu bilden und die Umweltverschmutzung wird zurückgehen.“ Die Ausbildung müsse sich ändern.
Der erste non-profit Fußballverein, dem sich weltweit bekannte und erfolgreiche Fußballspieler angeschlossen haben, um sich für einen nachhaltigen, sozialen Klimaschutz einzusetzen, ist der Global United FC. Lutz Pfannenstiel, Gründer des Vereins und ehemaliger Profifußballspieler, engagiert sich für einen schonenderen und bewussteren Umgang mit der Umwelt und deren Ressourcen. Um die Menschen auf den Klimawandel und seine Folgen aufmerksam zu machen, organisiert er Fußballspiele an besonderen Orten – wie etwa in der Antarktis. Dadurch wolle er die Menschen für den Klimawandel sensibilisieren und gleichzeitig auf die Bedeutung von Bildung für die Zukunft jedes einzelnen aufmerksam machen.

Der erste, gut besuchte Tag der Konferenz in den Sälen des Frankfurter Hofes endete mit einer abschließenden Diskussionsrunde. Man war sich darüber einig, dass Bildung ein wichtiges Gut ist, zu dem jedem einzelnen Menschen der Zugang ermöglicht werden muss, gerade auch um zu einer nachhaltigen Veränderung – ob nun der persönlichen Lage, der wirtschaftlichen Situation eines Landes oder vor allem der Umwelt – zu gelangen. Bildung solle in einem Verständnis für einander und dem Respekt für die Natur münden.
Tag zwei der Konferenz bestand aus Workshops, in denen verschiedene Bildungs- und Entwicklungsprojekte ausführlicher vorgestellt und diskutiert wurden. In dem Workshop von Ignatz Heintz etwa, Geschäftsführer der Avallain AG, zum Thema „Developing and deploying a mobile health literacy system for Africa with Google SMS tips“  wurde ein in Zusammenarbeit mit Google entwickeltes Gesundheitslexikon für Afrika vorgestellt. Die von medizinischem Fachpersonal erstellten Informationen können direkt mit dem eigenen Mobiltelefon per SMS abgerufen werden. Nicht überall in Afrika sei man mit einem Mangel an medizinischen Einrichtungen konfrontiert. Ein großes Problem für die Bevölkerung stelle die Finanzierung dieser Angebote dar. Für viele sei es schlicht zu teuer, so Heintz. Das Konzept der SMS Tips ist in den meisten Ländern kostenlos – abhängig von dem jeweiligen Mobilfunkanbieter. In einfacher Sprache und unterstützt durch zahlreiche Beispiel-Comics soll den Menschen in Afrika so die Möglichkeit geboten werden, sich zu dem jeweiligen Anliegen erste medizinische Tipps und Anregungen zu holen – aber bei schwerwiegenderen Erkrankungen durchaus auch den Hinweis: „Geh zum Arzt.“ Die SMS Tips sollen nachhaltig zur Verbesserung der Lebenssituation beitragen.  

Trotz über drei Millionen NGOs, die in Indien aktiv sind, geht in dem Milliarden-Staat die Schere zwischen bitterer Armut und einer wohlhabenden Mittelschicht weiter auseinander. Clifton Grover, Projekt Magic Bus, und Barbara Müller, BMW Stiftung Herbert Quandt, warben für eine engere Zusammenarbeit zwischen westlichen Unternehmen und lokalen NGOs auf dem Subkontinent. Denn häufig, so das Argument, scheiterten Hilfsorganisationen an unternehmerischen Konzepten wie Effizienz und Überprüfbarkeit. Von Partnerschaften zwischen NGOs und Unternehmen könnten beide Seiten profitieren, so die Referenten. Die NGOs nutzten das Know-How der westlichen Wirtschaft für sich und die Unternehmer bekämen über die NGOs einen Zugang zur Kultur und zu den Menschen eines Landes, deren „Sprache“ sie nicht sprechen. Als Beispiel für eine gelungene Zusammenarbeit stellen Müller und Grover das Sportprojekt „Magic Bus“ vor.     
Informativ, lehrreich und anregend: die beiden Konferenztage boten neben den zahlreichen Projektvorträgen viel Raum für Diskussionen in kleiner Runde und die Gelegenheit, Ideen und Meinungen auszutauschen, neue Strategien zu besprechen und mögliche Kooperationen zu vereinbaren.

ein Bericht von Heidi Fleischer

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