Karin Fussballbuch Kolumne Die neue Fussball Matrix

Beim FC Liverpool gibt es sogar einen Forschungsdirektor

2. September 2018: Während die Fußballfans und viele Bundesligaclubs sich aktuell über die Video-Schiedsrichter aufregen, hat die digitale Revolution beim Fußball bereits andere Dimensionen erreicht. Wer die Videoanalyse noch als "State of the Art" erachtet, hat noch nichts von "Packing" und "Key performance Indicators" gehört. Christoph Biermann, einer der profiliertesten Fußballjournalisten Deutschlands, hat sich diesem Thema in seinem Buch "Matchplan. Die neue Fußball-Matrix" angenommen.

Er hat sich mit Wissenschaftlern, Trainern, Managern, Wissenschaftlern und Scouts unterhalten und sich in anderen Ländern über die neue technologische Ideen informiert. Beim Lesen des Buches ist man immer wieder erstaunt, welche Bedeutung Algorithmen heute bereits bei der Auswahl von Spielern, Taktiken und Strategien haben.

Eine wichtige Erkenntnis hat mir persönlich dieses Buch gebracht: Warum Borussia Dortmund unbedingt Lucien Favre als Trainer haben wollte. Biermann erklärt, wie anhand der Daten festgestellt wurde, dass Favre mit seinen Mannschaften immer mehr erreicht, als anzunehmen war. Die Ergebnisse der Datenanalyse sind so sensationell wie auch rätselhaft. Favres Teams übertrafen die Expected Goals dramatisch. Laut der "digitalen Fakten" ist Favre ein Trainer mit Alleinstellungsmerkmal und macht Mannschaften durchweg schlicht besser. Das lässt für die Borussen und für die Spannung der Bundesliga hoffen. 

Und während Bundestrainer Löw bei der Analyse des Scheiterns der deutschen Mannschaft bei der WM auf Unzulänglichkeiten wie Arroganz und Fehleinschätzungen verweist, arbeiten andere schon wesentlich professioneller an der Analyse anhand von Daten. Ende 2016 erschien ein Aufsatz mit dem Titel "Real Time Quantification of Dangeriousity in Football Using Spatiotemporal Tracking Data", übersetzt ungefähr als "Quantifizierung von Torgefährlichkeit im Fußball in Realzeit durch den Gebrauch von raumzeitlichen Trackingdaten". Auftraggeber dieser Arbeit war die DFL und dessen Leiter Technologie und Innovation Hendrik Weber. Damit ist die DFL im Umgang mit Daten eine der fortschrittlichsten Ligen der Welt. Die Arbeit hatte Daniel Link, leitender Data Scientist am Lehrstuhl für Trainingswissenschaft und Sportinformatik der TU München erstellt. Mit Hilfe der Summe der Dangeriousity kann man ermitteln, wie gut eine Mannschaft gespielt hat. Mittlerweile nutzt auch der FC Barcelona seine Algorithmen. 

Auch beim Scouting werden Algorithmen eingesetzt. Einer der großen Scouts, Sven Mislintat schaffte es in seiner Zeit beim BVB, die erfolgreichste Personalpolitik der gesamten Liga zu betreiben. Er nutzt zur Datenanalyse z. B. das Programm "Scoutpanel", um aus z. b. 13.000 Spielern eine Vorauswahl zu erhalten. Mit Goalimpact, von Jörg Seidel entwickelt, können anhand der Daten von 320.000 Spielern aus zwei Spielzeiten und über 200 Ligen Spieler bewertet werden. 

Beim Training wird die digitale Technik natürlich auch schon angewendet, so z. B. beim Footbonauten, ein 14 x 14 m großes Spielfeld. Der Spieler stellt sich in die Mitte und bekommt von einer der vier Ballwurfmaschinen den Ball mit bis zu 100 Stundenkilometer zugespielt Dann leuchtet die Umrahmung der Zielfläche auf und dorthin muss der Trainierende treffen. Alles wird festgehalten und ausgewertet. Vereine planen auch zunehmend den Einsatz von Virtual Reality beim Training.
Es besteht natürlich durch die Digitalisierung auch die Gefahr, dass sich die wirtschaftlichen Unterschiede einer segregierten Fußballgesellschaft zwischen Reichen und Habenichtsen durch Wissensunterschiede noch vergrößern. Beim FC Liverpool gibt es sogar die Position des "Forschungsdirektors", besetzt von Ian Graham, der einen Doktortitel in theoretischer Physik hat. 

Es sind sehr viele Begriffe gefallen, die hier nicht erklärt werden können, da sie den Umfang dieses Beitrages sprengen würden. Aber wer sich dafür interessiert, wie die Entwicklung im Fußball durch die Digitalisierung weiter gehen wird, ist mit diesem Buch bestens bedient. "Matchplan" ist nicht unbedingt als ein leichtes Lesebuch bezeichnen. Eine gewisse Konzentration ist schon nötig, um die verschiedenen Kapitel nachzuvollziehen. Aber danach ist man um einiges Wissen reicher.
Der Schlusssatz von Christoph Biermann ist dann aber bezeichnend "Man muss die Zahl der überspielten Verteidiger kennen und sich den Sinn für die Poesie eines perfekt getimten Balles bewahren".

Bibliografische Angaben:

Christoph Biermann
"Matchplan. Die neue Fußball-Matrix"
Kiepenheuer & Witsch
282 Seiten, 14,99 Euro
ISBN: 978-3-462-05100-1

 

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