Kolumne Ausgespielt cover 0 Die Krise der "Mannschaft"

3. Februar 2019: Nach dem "Handball-WM-Fieber" steht wieder der Fußball im Zentrum der Aufmerksamkeit der "Ball-Fans". Die Bundesliga ist endlich wieder spannend. Dieses Wochenende gab es zwei Spiele zwischen vier starken DFL-Teams: Bayer Leverkusen gegen Bayern und Frankfurt gegen den BVB. Aber das schlechte Abschneiden der deutschen "Mannschaft" bei der WM in Russland und der mittelmäßige Eindruck der folgenden Spiele mit dem Abstieg in der UEFA National League stehen noch im Raum.

Dietrich Schulze-Marmeling versucht in seinem Buch "Ausgespielt? Die Krise des deutschen Fußballs" die Ursachen und Hintergründe des "Sturzes" der Nationalmannschaft und die aktuelle Entwicklung des deutschen Fußballs zu analysieren.

Müde und überspielt

Er sieht von einem "Löw-Bashing" ab und findet mehrere Gründe für den Sturz der deutschen Nationalmannschaft. Der DFB hatte mit viel Marketinggetöse die "Mission Titelverteidigung" verkündet, obwohl sich die gegnerischen Mannschaften seit der WM 2014 positiv weiterentwickelt hatten. Daher war die Erwartungshaltung zu groß. Die Leistungsträger waren älter geworden, die Mannschaft wirkte müde und überspielt. Dem deutschen Kader fehlten auch überragende Einzelkönner wie es bei Frankreich Kylian Mbappé oder Antoine Griezmann, in Belgien Kevin de Bruyne und bei den Kroaten der Weltfußballer 2018 Luka Modric waren. Vor allem fehlte Löw eine sehr wichtige Basis: Die Bundesligaclubs waren in der Saison 2017/18 sehr schwach. Es wurde schon im Vorfeld der WM von der Krise des deutschen Fußballs gesprochen – in der Öffentlichkeit wurde die Nationalmannschaft davon ausgenommen. Dabei bildeten Bundesliga-Spieler die "Mannschaft". Die Bundesligaclubs versagten aber alle in den europäischen Wettbewerben. In 56 Spielen gab es nur 19 Siege, aber 25 Niederlagen und 12 Unentschieden.

Das lag vor allem am Abgang der besten Bundesligatrainer: 2017/18 waren weder Jürgen Klopp noch Thomas Tuchel, Lucien Favre oder Pep Guardiola Trainer in der Bundesliga. Dies wirkte sich auf die Spieler der Nationalmannschaft aus. Es heißt, dass der Einfluss von Klopp und Guardiola ausschlaggebend für den Gewinn der Weltmeisterschaft von Deutschland 2014 war.

Wieviel Einfluss ein guter Trainer hat, ist gerade bei Borussia Dortmund zu beobachten. Unter Lucien Favre stehen sie derzeit an der Spitze der Bundesligatabelle und Marco Reus ist der überragende Spieler der ersten Saisonhälfte.

Ein Reformschub ist nötig

Bei der Ursachenforschung zum Abstieg der deutschen Nationalmannschaft geht Schulze-Marmeling auch explizit auf die Jugendarbeit des DFB ein. Nach dem Desaster 2000 gab es einen Ruck und zahlreiche Innovationen bei der Fußballausbildung: Es wurde ein flächendeckendes Stützpunktsystem aufgebaut, derzeit gibt es 390 Stützpunkte, in denen jährlich 16.000 Jungen und Mädchen ausgebildet werden. Jetzt – 2019 – ist wieder ein Reformschub nötig. Schulze-Marmeling lässt mehrere erfahrene Jugendtrainer dazu zu Wort kommen. Unter anderem zitiert er Meikel Schönweitz, Trainer der U20 und Leiter des Juniorenteams des DFB: "Wir verbessern uns weiter, aber andere Nationen überholen uns, weil unser System in die Jahre gekommen ist". Zum einen muss der Schwerpunkt bei der Arbeit der Jugendtrainer wieder mehr auf die Entwicklung der Spieler gesetzt werden und nicht nur auf Siege in den jeweiligen Jugendligen. Ewald Lienen wird zitiert: "Es geht denen darum, mit 30 Jahren Bundeligatrainer zu werden. Die Individualität der Spieler bleibt dabei auf der Strecke".

In Frankreich wurden viele Talente in den Banlieues durch ihren Straßenfußball in ihrer Kreativität und Spielfreude geprägt. Daher sollte laut Autor das Ziel der Vereine sein, die sportlichen Vorteile des Straßenfußballs in ihrem Training zu integrieren und ihre Spieler weiterhin pädagogisch und charakterlich gut zu begleiten. Zum Abschluss seines Buches gibt Schulze-Marmeling noch einen interessanten Einblick in persönlichen Erfahrungen mit Jugendtraining, Jugendtrainern und Jugendspieler-Eltern.

Während im ersten Teil seines Buches bekannte Themen und Thesen auftauchen, ist der zweite Teil über die Nachwuchs-Ausbildung und deren Reformbedarf sehr aufschlussreich und bringt an der Entwicklung des Fußballs interessierten Lesern viele neue Ansatzpunkte.

Bibliografie

Dietrich Schulze-Marmeling:
"Ausgespielt? Die Krise des deutschen Fußballs"
Die Werkstatt
224 Seiten, 16,90 Euro
ISBN 978-3-7307-0449-3

 

 

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